„Dieser Körper, das Radium, erzeugte ein eigenartiges Spektrum“ 

Im Dezember 1898 entdeckte Marie Curie zusammen mit ihrem Ehemann die radiokative Substanz Radium.

Hier spricht sie über die Leidenschaft zu forschen und darüber, wie sich die bahnbrechenden Erkenntnisse zur Radioaktivität in ihrer Zeit auswirkten – ein fiktives Interview.1

 

Madame Curie, Ihre Forschungsergebnisse zu Radium machten Sie weltberühmt. Wie kamen Sie diesem damals noch unbekannten Element auf die Spur?  

Ich untersuchte eine große Anzahl von Mineralien. Nur einige von ihnen stellten sich als aktiv heraus und zwar diejenigen, die entweder Uran oder Thorium enthielten. Bei der Betrachtung der Ursachen dieser Erscheinung gab es für mich nur die eine Erklärung, dass diese Mineralien irgendeine unbe­kannte, sehr aktive Substanz enthalten müssten. Mein Mann stimmte mir darin zu […] Bei Beginn dieser Arbeit konnte keiner von uns voraussehen, dass dadurch ein neuer Zweig der Wissenschaft entstand, dem wir unser ganzes Leben widmen sollten. Am Anfang kannten wir keine der physikalischen oder chemischen Eigen­schaften der unbe­kannten Substanz. Wir wussten lediglich, dass sie strahlt und mit Hilfe dieser Strahlen musste sie gefunden werden. Wir begannen mit der Analyse der Pechblende [Unaninit – eine Uranverbindung: Anmerk. der Redaktion] aus Joachimstahl. Nach einigen Monaten gelang es uns, von der Pechblende eine Begleitsubstanz des Wismuts abzusondern. Diese Substanz war um ein Vielfaches aktiver als das Uran und besaß sehr charakteristische chemische Eigenschaften. Im Juli 1898 gaben wir die Entdeckung dieser Substanz bekannt, die ich zu Ehren meiner Heimat Polonium nannte. Bei der Darstellung des Poloniums bemerkten wir außerdem, dass die Blende noch einen anderen, neuen Begleit-Grundstoff des Bariums enthielt. Nach weiteren Monaten beharrlicher Arbeit gelang es uns, diese zweite Substanz, die sich später wichtiger als das Polonium erwies, vom Barium zu trennen; im Dezember 1898 konnten wir die wissenschaftliche Welt von der Entdeckung dieses neuen, heute bereits berühmten Grundstoffes unterrichten. Diesen Grundstoff nannten wir Radium.

Anschließend forschten Sie in einem alten Schuppen weiter, um aus dieser von Ihnen zunächst entdeckten Radiumverbindung reines Radium zu isolieren? Wie erlebten Sie diese Zeit?   

In diesem dürftigen alten Schuppen verbrachten wir unsere besten und glücklichsten Jahre. Wir widmeten den ganzen Tag der Arbeit. Störend wirkte dabei der Kohlen- und Eisenstaub, der in der Luft schwebte und vor dem ich meine wertvollen Präpa­rate nicht schützen konnte. Nicht zu beschreiben sind jedoch die Freude und die ungetrübte Ruhe dieser Forschungsatmosphäre sowie die Rührung bei der Fest­stellung wirklicher Fortschritte und der Glauben an die Erzielung noch besserer Ergebnisse. Das Gefühl einer Enttäuschung, das manchmal nach irgendeinem Misserfolg aufkam, ging schnell vorüber und machte frischem Arbeitselan Platz. So vergingen Monate, und unsere nur durch kurze Ferien unterbrochenen Anstren­gungen brachten immer bessere Ergebnisse. Unsere Überzeugung wuchs ständig. Erst nach Verbrauch einer ganzen Tonne der Pechblendenabfälle erzielte ich schließlich die Endergebnisse. Endlich kam der Augenblick, indem die abgesonderte Substanz alle Eigenschaften eines chemisch reinen Körpers zeigte. Dieser Körper, das Radium, erzeugte ein eigenartiges Spektrum. Ich konnte auch sein Atomgewicht bestimmen, das wesentlich größer als das Gewicht von Barium war.

Radium wurde schließlich auch als Therapie gegen Krebs eingesetzt. Wie hat die Therapie mit Radium Gestalt angenommen und wie konnten Patienten davon profitieren?    

Die ersten Untersuchungen der biologisch wirksamen Eigenschaften des Radiums wurden zu Lebzeiten meines Mannes in Frankreich unter Verwendung der aus unse­rem Labor stammenden Proben durchgeführt. Es wurden sofort gute Ergebnisse erzielt, und die neue Therapie, genannt Radiumtherapie (in Frankreich: Curie-Therapie), hat sich in Frankreich und später auch in anderen Ländern schnell verbreitet. Die Produktion von Radium und seine Verwendung entwickelten sich parallel. Die Heilung verschiedener Krankheiten, insbesondere Krebs, zeigte immer bessere Erfolge. Es wurden Institute gegründet, die nach der neuen Heilmethode arbeiteten. Es ist leicht zu begreifen, wie wertvoll für mich die Überzeugung ist, dass dank dieser Erfindung menschliches Leid […] gelindert werden kann. Dies ist wirklich ein herrlicher Preis für die jahrelange Anstrengung.

Sowohl Ihr Mann als auch Sie waren immer dagegen gewesen, Vorteile aus Ihrer Entdeckung zu ziehen. Sie haben von Anfang an Ihre Methode der Radiumgewinnung mit allen Einzelheiten veröffentlicht. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?  

Die Menschheit braucht sicherlich praktisch denkende Menschen, die zwar für die Bedürfnisse der Allgemeinheit arbeiten, dabei aber vor allem an ihre eigenen Ziele denken. Sie braucht aber auch Schwärmer, deren Drang, gesteckte Ziele zu errei­chen, derartig groß ist, dass sie ihre persönlichen Interessen völlig außer Acht lassen, dass sie gar nicht in der Lage sind, an eigene materielle Vorteile zu denken. Man könnte auch sagen, dass diese Idealisten vielfach keinen Reichtum gewinnen, weil sie ihn nicht erstreben. Es scheint jedoch, dass eine fortschrittliche Gesellschaft die entsprechenden Mittel für eine erfolgreiche Tätigkeit dieser Schwärmer sicher­stellen müsste, damit sie, befreit von materiellen Sorgen, sich voll und ganz dem Dienste der Wissenschaft widmen können.

 

Quellen

  1. Die Basis für das fiktive Interview mit der zweifachen Nobelpreisträgerin Marie Curie ist ihre Selbstbiographie, die sie auf Bitten von Freunden hin schrieb. Die deutsche Übersetzung erschien erstmals im Jahr 1962. Marie Curie, Selbstbiographie, Books on Demand: Norderstedt, 2016.

 

 

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