Wächst Prostatakrebs über sein Entstehungsorgan hinaus und bildet Metastasen, ist dies mit Angst, Schmerzen und Gedanken an den Tod besetzt. Seit einigen Jahren gibt es neuartige Medikamente, die Schmerzen verringern und die Lebenserwartung erhöhen können.

Die häufigste bösartige Tumorerkrankung bei Männern

Mit 65.000 – 70.000 Neuerkrankungen pro Jahr ist das Prostatakarzinom die häufigste bösartige Krebserkrankung bei Männern in Deutschland. Die Erkrankung verläuft bei jedem Betroffenen anders. Die meisten Erkrankten sind über 65 Jahre, doch kann das Prostatakarzinom auch bei jüngeren Männern auftreten. Das ist aber eher selten der Fall. Da die Patienten unterschiedlich auf die Behandlung ansprechen, richtet sich die Therapieentscheidung nach der jeweiligen Erkrankungssituation. Je nachdem, ob sich der Krebs in einem frühen oder fortgeschrittenen Stadium befindet, stehen den Ärzten bestimmte, darauf zugeschnittene Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung. Die Empfehlungen sind in den Leitlinien der Fachgesellschaften zusammengefasst und basieren auf den Ergebnissen klinischer Studien sowie der Meinung von Experten. Meist gibt es verschiedene Therapie-Alternativen, die eine weitgehend individuelle Behandlung möglich machen. Die Behandlung von Prostatakrebs besteht oftmals in der Teamarbeit mehrerer Spezialisten wie Urologen, Onkologen, Radioonkologen und Nuklearmedizinern.

Die meisten Prostatatumoren sind hormonabhängig

Entdecken Ärzte den Tumor in einem frühen Stadium, wenn er noch auf die Prostata selbst begrenzt ist und die Kapsel des Organs noch nicht durchbrochen hat, kann er in der Regel geheilt werden. Die Behandlung erfolgt in diesem Stadium meist mittels operativer Entfernung der Prostata und / oder einer Strahlentherapie. Wenn die Krankheit weiter fortgeschritten ist und sich Metastasen gebildet haben, kann der Krebs nicht mehr geheilt werden. Es geht nun vor allem darum, das Leben zu verlängern und dabei die Lebensqualität zu erhalten.

Die meisten Prostatakarzinome werden durch das männliche Sexualhormon Testosteron zum Wachstum angeregt. Sind die Zellen entartet, reagieren sie besonders empfindlich auf Testosteron. Patienten, bei denen der Tumor fortgeschritten ist und bereits Metastasen gebildet hat, erhalten aus diesem Grund zunächst Hormonentzugstherapien. Die klassischen Hormonentzugstherapien, wie LHRH-Analoga und GnRH-Antagonisten, hemmen die Testosteronproduktion und können auf diese Weise das Wachstum des Prostatakarzinoms und der Metastasen verlangsamen bzw. unterbinden. Das Problem: Nach Monaten bis Jahren kann die Hormonentzugstherapie den Krebs nicht mehr kontrollieren. Das heißt, obwohl das Testosteron therapiebedingt unterdrückt wird, schreitet die Erkrankung voran. Im medizinischen Fachjargon heißt das Stadium kastrationsresistentes Prostatakarzinom. Es ist noch nicht allzu lange her, da stand Ärzten in dieser Situation lediglich eine Chemotherapie zur Verfügung. Zeigte die Chemotherapie keine Wirkung mehr, konnten nur noch die Schmerzen gelindert werden. Eine Verlängerung des Lebens war nicht mehr möglich.

Vor einigen Jahren änderte sich die Behandlungssituation grundlegend – vor allem für Patienten mit kastrationsresistentem Prostatakarzinom und Metastasen. Die Forschung entwickelte einige neue Hoffnungsträger, die alle in klinischen Studien eine lebensverlängernde Wirkung zeigten. Zum Einsatz kommen die neuartigen Medikamente, wenn die herkömmlichen Substanzen, wie die klassischen Hormonentzugstherapien, ihre Wirkung verloren haben.

Mit neuartigen Wirkmechanismen gegen fortgeschrittenen Prostatakrebs

Eines dieser neuartigen Wirkstoffe ist das Chemotherapeutikum Cabazitaxel. Es gehört wie das „ältere“ Docetaxel zu den Taxanen und hemmt ebenfalls die Zellteilung, verbleibt aber länger in der Krebszelle. Angewendet wird Cabazitaxel, wenn die Patienten Docetaxel nicht mehr vertragen oder es nicht mehr wirkt.

Zugelassen wurden auch Medikamente, die als Alternative zu einer Chemotherapie mit Docetaxel verabreicht werden können. Eines dieser Mittel ist die antihormonelle Substanz Abirateron. Abirateron hemmt bestimmte Schlüsselenzyme (17a-Hydroxylase und C17, 20-Lyase) der Testosteronbildung. Die Folge: Das Testosteron wird überall im Körper sabotiert – in den Hoden, den Nebennieren und direkt im Prostatakarzinom. Ein weiterer antihormoneller Neuling namens Enzalutamid blockiert den Androgenrezeptor, der sich auf der Oberfläche der Prostatakrebszellen befindet und so verhindert, dass das Testosteron dort andocken kann. Außerdem unterbindet es den Transport des männlichen Geschlechtshormons in der Tumorzelle.

Der Hauptmetastasierungsort beim kastrationsresistenten Prostatakrebs sind die Knochen. Knochenmetastasen sind vor allem deshalb kritisch, da sie das Fortschreiten der Erkrankung wesentlich vorantreiben. Für Patienten mit Knochenmetastasen, die Beschwerden verursachen und bei denen keine bekannten Metastasen in der Lunge, Leber oder dem Gehirn vorliegen, kommt das neuartige Radionuklid Radium-223 in Frage. Radium-223 wirkt gezielt gegen Knochenmetastasen. Es lagert sich in Bereichen mit hohem Knochenumsatz ein – dazu gehören vor allem Knochenmetastasen. Dort zerfällt es und gibt energiereiche Alphastrahlung ab. Die Strahlung schädigt die DNA der Krebszellen so, dass die Zelle sie nicht mehr reparieren kann. Die Tumorzelle wird zerstört.

Das Radionuklid Radium-223 wurde speziell gegen Knochenmetastasen entwickelt und unterscheidet sich dahingehend von den anderen drei Neuzugängen. Denn diese drei Medikamente wirken systemisch und damit auch gegen Knochenmetastasen, während Radium-223 ganz gezielt gegen Knochenmetastasen angewendet wird.

Abirateron, Enzalutamid und Radium-223 können sowohl vor als auch nach der Chemotherapie mit Docetaxel eingesetzt werden. Eine Therapie mit Cabazitaxel erfolgt jedoch immer nach Docetaxel. Ob und in welcher Reihenfolge die Mittel dem Patienten verabreicht werden, entscheiden die Ärzte individuell. Die Entscheidungsfindung richtet sich unter anderem nach dem Allgemeinbefinden des Patienten und der Tumorlast. Zudem beraten sich die Ärzte oftmals auch fachübergreifend.

Knochenmetastasen beeinträchtigen die Lebensqualität

Knochenmetastasen sind die häufigste und gefürchtetste Komplikation beim kastrationsresistenten Prostatakarzinom: Bei neun von zehn Patienten mit Prostatakrebs entwickeln sich Knochenmetastasen. Haben sich die Krebszellen einmal bis auf den Knochen ausgebreitet, schädigen sie die Knochensubstanz und verringern die Festigkeit. Zahlreiche Beschwerden gehen auf das Konto von Metastasen: Hierzu zählen beispielsweise Schmerzen, Knochenbrüche, Taubheitsgefühle, Schwäche oder Bewegungseinschränkungen bis hin zu Lähmungen. Mobilitäts- und Funktionseinschränkungen zählen auch zu Symptomen – beispielsweise, wenn der Patient keine Spaziergänge mehr unternehmen kann oder nicht mehr in der Lage ist, ohne fremde Hilfe einkaufen zu gehen. Metastasen in den Knochen gelten als Hauptursache für eine eingeschränkte Lebensqualität und eine verkürzte Lebenserwartung. Und da Knochenmetastasen für die Patienten besonders schwerwiegende Folgen haben können, kommt ihrer Behandlung entscheidende Bedeutung zu.

Die neuartigen Medikamente haben wesentlichen Anteil daran, dass Prostatakrebs im fortgeschrittenen Stadium verlangsamt werden kann.

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