Die Assoziation, die viele Menschen haben, wenn sie das Wort ‚Y-Chromosom‘ vernehmen, ist Bedeutungslosigkeit. Sogar in der Forschung ist das Vorurteil weit verbreitet, dass es sich beim Y-Chromosom um genetischen Abfall handle. Dass das nicht stimmt, konnte nun Professor Peter Page (Cambridge/Massachusetts) zeigen. Page hat intensive Forschungsarbeit geleistet, um die Ehre des vernachlässigten Chromosoms zu verteidigen. So verbrachte er die meiste Zeit seiner beruflichen Laufbahn damit, sich um die Rehabilitation des Y-Chromosoms zu kümmern.

Seine Geburtsstunde liegt über 300 Millionen Jahre zurück

Als Auftakt seiner Forschungsarbeit befasste er sich zunächst mit den Ursprüngen des ‚Y‘. Genetischen Analysen zufolge entwickelten sich die Geschlechtschromosomen vor ungefähr 300 Millionen Jahren. In dieser Zeit hatten unsere Reptilienvorfahren damit begonnen, Geschlechtsunterschiede zu entwickeln. Durch die weitere evolutionäre Entwicklung verlor das ‚Y‘ jedoch 90 Prozent seiner Gene und büßte zudem auch noch an Länge ein. Während alle anderen der 22 Chromosomenpaare damit beschäftigt waren, ihr Erbgut auszutauschen, gegenseitig ihre Fehler behoben und sich weiterentwickelten, führte das männliche ‚Y‘ ein Singleleben. Die Situation des Y-Chromosoms verleitete einige Wissenschaftler dazu, die These aufzustellen, dass es eines Tages keinerlei Einfluss mehr hätte und quasi völlig von der Bildfläche verschwinden würde. Die Stachelratte Tokudaia muenniki hat bereits kein Y-Chromosom mehr. Und das, obwohl es bei dieser Tierart durchaus weibliche und männliche Tiere gibt. Doch ist es nicht so, dass bei der Stachelratte das ‚Y‘ völlig verschwand, vielmehr scheinen einige seiner Gene vermutlich auf andere Chromosomen übergesiedelt zu sein, erklärt Melissa Wilson Sayers, Evolutionsbiologin an der Universität Berkeley in Kalifornien.

Die genetische Ähnlichkeit von Männern, Frauen und Schimpansen

Dass dem Y-Chromosom eine bedeutende Rolle zukommt, zeigt, dass es sich in den letzten 25 Millionen Jahren im Prinzip nicht verändert hatte: Ein Vergleich der Gene des Y-Chromosoms mit den Genen von Rhesusaffen verdeutlicht, dass das Y-Chromosom des Mannes im Laufe der letzten 25 Millionen Jahre – seit Menschen und Affen einen gemeinsamen Vorfahren hatten – lediglich ein Gen verloren hatte.

Vergleicht man nun die Gene des Mannes mit denjenigen des männlichen Schimpansen, stellt man eine große Ähnlichkeit fest. Die genetische Übereinstimmung liegt bei 98,5 Prozent. Zwei Menschen-Männer verfügen, unabhängig von ihrer ethnischen Zugehörigkeit, zu 99,9 Prozent über das gleiche Erbgut. Die genetische Übereinstimmung von Mann und Frau liegt bei 98,5 Prozent. Das heißt: Mann und Frau gleichen sich so sehr, wie männlicher Schimpanse und Menschen-Mann. Interessant wäre nun die Frage, wie es mit der genetischen Ähnlichkeit von Schimpansin und Menschen-Frau bestellt ist.

Mit Blick auf Forschung und Gender-Medizin leitet Page aus seiner Forschung ab, dass sich Wissenschaftler beispielsweise bei der Bearbeitung von Zelllinien bewusst machen sollten, ob sie es mit einer weiblichen oder männlichen Zelllinie zu tun haben.

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